Hector Berlioz: Symphonie Fantastique

Berlioz: Symphonie fantastique op.14 (1830)

("Épisode de la vie d'une artiste")

Hector   Berlioz I. Reveries; Passions
II. Un bal
III. Scène aux champs
IV. Marche au supplice
V. Songe d'une nuit du Sabbat

Autobiographisches verarbeitet Berlioz wohl in dieser (seiner ersten) Sinfonie: fasziniert durch die irische Schauspielerin Harriet Smithson, in die er sich als Zuschauer bei Shakespeare-Aufführungen 1827 verliebt hatte, schreibt er 1830, drei Jahre nach Beethovens Tod, ein Werk, wie es zukunftsweisender nicht sein kann. Das fünfsätzige Werk folgt einem vom Komponisten vorgegebenen Programm, das zu Beginn des Konzertes auch ausgegeben werden muß.

Die zeitgenössische Kritik war irritiert, ausschnittsweise sei hier ein Brief Mendelssohn-Bartholdys an seine Mutter zitiert, der am 15. März 1831 aus Rom schrieb: "... Nun solltet ihr aber Berlioz kennen lernen! Der macht mich förmlich traurig, weil er ein wirklich gebildeter, angenehmer Mensch ist und so unbegreiflich schlecht komponiert ... Er hat eine Sinfonie gemacht, die Episode de la vie d'un artiste heißt. Als sie gegeben wurde, ließ er eine Erklärung von 2000 Exemplaren drucken. Die besagte dann, daß sich der Komponist im ersten Stück unter seinem Thema eine liebenswürdige junge Dame gedacht hat ... und daß seine Wut, Eifersucht, Zärtlichkeit und Tränen darin vorkommen. Das zweite Stück ist ein Ball, wo ihm alles leer erscheint, weil sie fehlt. Das dritte heißt Scène aux champs; die Hirten spielen einen ranz de vaches (d.h. Kuhreigen), die Instrumente ahmen das Säuseln der Blätter nach (alles das steht im Programm) ... Zwischen dem dritten und vierten Stück (fährt das Programm fort) vergiftet sich der Künstler mit Opium, versieht sich aber in der Dosierung und, statt zu sterben, hat er nun fürchterliche Visionen. Das vierte Stück ist eine solche Vision, wo er bei seiner eigenen Hinrichtung zugegen ist ... das fünfte heißt songe d'une nuit, wo er die Hexen auf dem Blocksberg tanzen sieht, seine Geliebte darunter. Zugleich hört er das dies irae mit seinem cantus firmus (eben der idée fixe), aber parodiert ... Wie unbeschreiblich eklig mir dies ist, brauche ich nicht zu sagen ... Die Ausführung ist noch viel elender: vier Pauken, zwei Klaviere, welche Glocken nachahmen sollen, zwei Harfen, vier große Trommeln, acht verschiedene Geigen, zwei verschiedene Kontrabässe, die Solopassagen machen ..."

Zwei mal zwei Harfen sind im "Ball" vorgeschrieben. Neu ist die Einführung von Glocken, die bis dahin dem Opernorchester vorbehalten waren. Neu ist die genaue Unterscheidung der Schlegel in den Pauken, die Berlioz bald aus Holz, bald aus Schwamm fordert, neu ist die detaillierte Vorschrift für den Ansatz des Geigenbogens, etwa "a punta d'arco", also an der Spitze, neu ist die ungewöhnlich häufige Forderung nach Soloinstrumenten besonders bei Flöten, Oboen, Englisch-Horn oder Klarinetten, neu ist die Teilung der ersten und zweiten Violinen zu je einer Dreiergruppe und der Bratschen zu einer Zweiergruppe wie zu Beginn des letzten Satzes, so daß wir es hier statt der gewohnten drei Systeme in Wahrheit mit deren acht zu tun haben; neu ist das unmittelbare Nebeneinander von Klarinette in Es und in C, neu ist das "quasi niente", gleichsam das Nichts, wie es z.B. im vierfachen pianissimo des dritten Satzes zu finden ist, neu ist die Forderung, Terzengriffe im pizzicato der Celli nicht (wie sonst üblich) zur Erleichterung zu teilen, sondern "non divisi", also nicht geteilt, zu spielen. Auch die drei Takte "silenzio" im ersten Satz anstelle einer gewöhnlich nur eintaktigen Generalpause zeugen deutlich für die Erlebnis-Intensität selbst dort noch, wo alles schweigt, und kaum je vorher wird man die kühnen Farbmischungen antreffen, die Berlioz etwa in der Fuge des letzten Satzes, dem Ronde du sabbat wählte; auf einem dumpfen Trommelwirbel im pianissimo steigt das chromatisch sind windende Fugenthema aus den Tiefen des Cellos über Bratschen und zweite Violinen in die führenden Geigen hinauf, leicht begleitet von gedämpften Hörnern.

Schumann hat in einer Besprechung dieser Sinfonie 1835 trotz einzelner Einwände eigentlich nur Positives zu sagen: "Was er haßt, faßt er grimmig bei den Haaren, was er liebt, möchte er vor Innigkeit erdrücken - Seht es einmal einem feurigen Jüngling nach, den man nicht nach der Krämerelle messen soll!" Liszt, der bei der Uraufführung anwesend gewesen war, veröffentlichte 1834 eine aus dem Manuskript arrangierte Transkription für Klavier. Die Partitur wurde 1845 von Maurice Schlesinger veröffentlicht - dann mit größeren Änderungen im zweiten und dritten Satz und der entscheidenden Änderung im Programm: der Künstler erlebt in dieser Neufassung sämtliche fünf Sätze im Opiumrausch.

Harriet SmithsonFehlen noch die wirklich wichtigen Informationen zum Werk: Harriet Smithson hatte den jungen, unbekannten Komponisten (1827) keines Blickes gewürdigt. Als er im Winter 1832 erfuhr, daß sie sich wieder in Paris befinde, ließ Berlioz ihr ein Billett für eine von ihm geleitete Aufführung der Symphonie fantastique zukommen. Glaubt man den Überschriften der Memoiren, führten höchst unterschiedliche Schicksalschläge alles sehr schnell zu einem guten Ende: "Ich werde Miss Smithson vorgestellt - Sie ist ruiniert - Sie bricht sich ein Bein - Ich heirate sie".

Wer nach diesem Krimi noch nicht genug hat, möge sich mit "Lélio" (op.14bis) befassen, einem Werk, bei dem der Künstler der Symphonie fantastique seinen Kater nach dem Opiumrausch bekämpft.

Und wer Gefallen an den ungewöhnlichen Klängen Berlioz' gefunden hat, nehme sich andere Werke des Komponisten vor - vielleicht nicht unbedingt die "Rom-Preis"-Kantaten, die als musikalischer Steinbruch herhalten mußten. Empfehlenswert wäre das "Requiem" (in den Aufnahmen mit Inbal oder Dutoit), das dann fast zwangsläufig weiterführt zum Requiem von Giuseppe Verdi ...

 
Notenausgabe: Eulenburg TP 422 (baugleich mit Bärenreiter TP - etwas kleiner)

Boston Symphony Orchestra
Charles Munch
AD: 1954
RCA 09026 68979 2 + Roméo et Juliette op.17: Scène d'amour
Eine wunderbare Aufnahme, nicht zuletzt wegen der sehr guten Aufnahmetechnik.

Wiener Staatsopern-Orchester
René Leibowitz
AD: 1959
Westminster (DG) 471242-2 (2 CDs) + Roméo et Juliette op.17 Dir.: Pierre Monteux
Eine Aufnahme, die nicht überzeugen kann, aber wegen der "Zugabe" unter Pierre Monteux (phantastische Aufnahme) fast zwangsläufig in der Sammlung landet.

Londoner Sinfonie-Orchester
Pierre Boulez
AD: 1967
CBS 73122
evtl. noch erhältlich als 3-fach-CD "Boulez-Edition: Berlioz" mit Lélio und Les Nuit d'été
Ich mag Berlioz mit Boulez sehr - es gibt noch eine neuere Aufnahme mit dem Cleveland Orchestra, aber die habe ich nicht.

Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt
Eliahu Inbal
AD: 1987
Denon CO-73218->19 + Lélio op.14bis
inzwischen als Brilliant-Box - unbegreiflicherweise ohne "Lélio"
Musikalisch vielleicht nicht so ganz der Hit, aber aufnahmetechnisch phantastisch)

The London Classical Players
Roger Norrington
AD: 1988
EMI CDC 7 49541 2
Für mich das Nonplusultra, denn Norrington läßt spielen, was in den Noten steht ... allerdings kenne ich die nachfolgende Aufnahme (noch) nicht:

Orchestre Révolutionnaire et Romantique
John Eliot Gardiner
AD: 1993
Philips 434 402-2

Dirigent
AD
I
II
III
IV
V
Munch
1954
13:18
6:06
13:50
4:29
8:41
Leibowitz
1959
15:25
6:45
16:57
4:39
10:01
Inbal
1987
15:51
6:33
16:57
6:51
9:53
Norrington
1988
14:18
5:55
14:33
7:25
10:33
Gardiner
1993
13:57
6:03
16:35
6:38
9:51


Programm

Vorbemerkung

Ziel des Komponisten war es, verschiedene Situationen im Leben eines Künstlers zu schildern, soweit diese musikalisch darstellbar sind. Da dieses Instrumental-Drama durch keinen Worttext unterstützt wird, bedarf sein Plan einer vorherigen Erklärung. Das folgende Programm [1] ist daher wie der gesprochene Text einer Oper zu betrachten, der in die einzelnen Sätze der Musik einführt und ihren Charakter und ihre Aussage erklärt.

Erster Satz
TRÄUME - LEIDENSCHAFTEN
Der Komponist stellt sich vor, daß ein junger Musiker, der unter dem Einfluß jenes seelischen Leidens steht, das ein berühmter Schriftsteller als "le vague des passions" bezeichnet, zum ersten Mal eine Frau sieht, die in sich alle Reize des Idealwesens vereinigt, das er sich in seiner Vorstellung erträumt hat, und daß er sich sterblich in sie verliebt. Eigentümlicherweise zeigt sich das geliebte Bild dem geistigen Auge des Künstlers nie, ohne mit einem musikalischen Gedanken verbunden zu sein, in welchem er einen gewissen leidenschaftlichen, aber noblen und schüchternen Charakter erkennt, wie er ihn auch dem geliebten Wesen zuschreibt.
Dieses musikalische Bild und dessen Vorbild verfolgen ihn unaufhörlich wie eine doppelte "idée fixe". Dies ist der Grund, warum das Anfangsmotiv des ersten allegro konstant in allen Sätzen der Sinfonie wiedererscheint. Der Übergang aus dem Zustand melancholischen Träumens, unterbrochen durch einige Anwandlungen zielloser Freude, zu jenem einer verzückten Leidenschaft mit ihren Regungen von Zorn und Eifersucht, ihren Rückfällen in Zärtlichkeit, ihren Tränen, ihrem Streben nach religiösen Tröstungen dies ist der Gegenstand des ersten Satzes.

Zweiter Satz
EIN BALL
Der Künstler ist in die verschiedensten Lebensumstände versetzt: mitten in den Tumult eines Festes, in friedvolle Betrachtung der Schönheiten der Natur; aber überall, in der Stadt, auf dem Lande, erscheint das teure Bild vor seinem Auge und versetzt seine Seele in Unruhe.

Dritter Satz
SZENE AUF DEM LANDE
Eines Abends auf dem Lande hört er in der Ferne zwei Hirten, die zusammen ein "ranz des vaches" (Kuhreigen) spielen; dieses ländliche Duo, der Ort des Geschehens, das leise Rauschen der sanft vom Wind bewegten Bäume, gelegentliche Anflüge neu aufkeimender Hoffnung - all dies bringt seinem Herzen einen ungewohnten Frieden und stimmt seine Gedanken freudiger. Er sinnt über seine Einsamkeit nach: er hofft, bald nicht mehr allein zu sein ... Doch wie, wenn sie ihn täuschte ... Diese Mischung von Hoffnung und Furcht, diese Gedanken von Glück, durch dunkle Vorahnungen gestört, bilden den Gegenstand des adagio. Am Schluß wiederholt einer der Hirten den ranz des vaches; der andere antwortet nicht mehr ... Fernes Donnergrollen ... Einsamkeit ... Stille ...

Vierter Satz
GANG ZUM RICHTPLATZ
In der sicheren Erkenntnis, daß seine Liebe mißachtet werde, vergiftet sich der Künstler mit Opium. Die Dosis des Narkotikums ist zwar zu schwach, um ihm den Tod zu geben, versenkt ihn aber in einen von den schrecklichsten Visionen begleiteten Schlaf. Er träumt, er habe die Frau, die er liebte getötet, er sei zum Tode verurteilt, werde zum Richtplatz geführt und helfe bei seiner eigenen Hinrichtung. Der Zug nähert sich unter den Klängen eines bald düsteren und wilden, bald prächtigen und feierlichen Marsches, in dem das dumpfe Geräusch schwerer Marschtritte ohne Übergang auf Ausbrüche von größter Lautstärke folgt. Am Ende des Marsches erscheinen die ersten vier Takte der idée fixe wieder wie ein letzter Gedanke der Liebe, unterbrochen durch den tödlichen Schlag.

Fünfter Satz
TRAUM EINER SABBATNACHT
Er sieht sich beim Hexensabbat inmitten einer abscheulichen Schar von Geistern, Hexen und Ungeheuern aller Art, die sich zu seiner Totenfeier versammelt haben. Seltsame Geräusche, Stöhnen, schallendes Gelächter, ferne Schreie, auf die andere Schreie zu antworten scheinen. Das Motiv seiner Liebe erscheint noch einmal, doch es hat seinen noblen und schüchternen Charakter verloren; es ist nichts mehr als ein gemeines Tanzlied, trivial und grotesk; sie ist es, die zum Sabbat gekommen ist ... Freudengebrüll begrüßt ihre Ankunft ... Sie mischt sich unter das teuflische Treiben ... Totenglocken, burleske Parodie des Dies irae [2], Sabbat-Tanz. Der Sabbat-Tanz und das Dies irae zusammen.

(Übersetzung: Peter Schmidt - aus der Eulenburg-Taschenpartitur)

[1] Die Verteilung dieses Programms an das Publikum ist bei Konzerten. in denen diese Sinfonie aufgeführt wird, zum völligen Verständnis des dramatischen Planes dieses Werkes unerläßlich. [HB] zurück
[2] Hymne, die bei den Trauerzeremonien der katholischen Kirche gesungen wird. [HB] nach oben

Idefix

Matthias Schadock

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